Das Fachliche ist politisch!

Was bedeutet eine politische Soziale Arbeit? Worin besteht ihr politischer Auftrag? Gibt es diesen Auftrag überhaupt? Wie kann Soziale Arbeit auf Prozesse politischer Meinungs- und Entscheidungsfindung Einfluss nehmen? Welche Überzeugungskraft haben fachliche Positionen in politischen Deutungskämpfen?

Eröffnungsvortrag der Bundesfachtagung des BHP

Diese Fragen bin ich heute in meinem Eröffnungsvortrag der Bundesfachtagung des Berufs- und Fachverbands Heilpädagogik (BHP) e.V. nachgegangen. Vor über 600 Fachkräften durfte ich in der Berliner Urania zum Thema „Das Fachliche ist politisch! Zur politischen Dimension Sozialer Arbeit“ sprechen.

Ich finde bemerkenswert, dass der BHP ein politisches Thema für seine diesjährige Fachtagung gesetzt hat. Das Politische ist in der Heilpädagogik nicht gerade hoch im Kurs. Mein Eindruck ist, dass für viele Fachkräfte Politik die „dunkle Seite der Macht“ ist oder zumindest ein „schmutziges Geschäft“. Die Reinheit der Hilfe soll möglichst vor der politischen Verunreinigung bewahrt werden. Diese Haltung erzeugt Ignoranz oder Abwehrkämpfe gegen Politik.

Soziale Arbeit kann nicht nicht-politisch sein

In meinem Vortrag habe ich argumentiert, dass Soziale Arbeit nicht nicht-politisch sein kann. Denn als Fachkraft bewege ich mich immer in sozialpolitisch gestalteten Kontexten. Ich habe aber die Wahl, damit nicht bewusst oder bewusst umzugehen. Erst eine Reflexion des Verhältnisses von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit versetzt mich in die Lage, Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen und Politik mitzugestalten.

Fehlende Überzeugungskraft im politischen Raum

Das Bundesteilhabegesetz und seine Reformdebatte sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Überzeugungskraft des Fachlichen im politischen Raum – gelinde gesagt – optimierbar ist. In Deutungskämpfen der Reformdebatte werden fachliche Begriffe politisch neu aufgeladen, und die Fachlichkeit hat dem wenig entgegenzuhalten bzw. betreibt diese Deutungstransformation sogar aktiv mit. Das hat nicht nur Folgen für den Verlauf der Debatte und das Agenda-Setting. Das hat Folgen für die letztlich beschlossenen gesetzlichen Veränderungen durch das Bundesteilhabegesetz – und vor allem für die daraus resultierenden Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen.

Fragen zum Vortrag per SMS

Diese Zusammenhänge habe ich in meinem Vortrag erläutert. Das Publikum konnte mir während des Vortrages Fragen per SMS schicken. Eine der gestellten Fragen lautete: „Wer bezahlt diese politische Arbeit?“ Die Frage finde ich deshalb interessant, weil sie auf zwei Ebenen beantwortbar ist. Auf der inhaltlichen Ebene lautet die Antwort: Der Arbeitgeber bezahlt das, denn für mich gehört die politische Arbeit zu fallübergreifenden Aufgaben, die aus dem Overhead der Leistungsentgelte refinanzierbar sind. (Außerdem könnte es teurer werden, nicht politisch zu arbeiten.)

Spannender ist aber die Contextebene: Was lässt den Fragesteller diese Frage stellen? Mit welcher Absicht stellt er sie? Möglicherweise, um weitere Begründungen dafür zu suchen, keine politische Arbeit leisten zu müssen? Wer dafür Begründungen sucht, wird sie massenhaft finden. Soziale Arbeit ohne politisches Bewusstsein zu machen, ist möglich – sogar mit guten Ergebnissen. Die Soziale Arbeit stößt mit dieser Haltung aber an eine Grenze, immer dann, wenn sich die Probleme der Klienten durch fachliche Arbeit am Einzelfall nicht lösen lassen. Was ist, wenn die Lösung nur im Politischen in Reichweite läge?

Plädoyer für eine Professionalisierung politischer Arbeit

In meinem Vortrag habe ich ein Plädoyer dafür gehalten, dass sich Soziale Arbeit öffentlich und politisch einmischt. Um Überzeugungskraft zu gewinnen, ist aber eine Professionalisierung politischer Arbeit notwendig. Welche Facetten diese politische Arbeit hat, wird im Tagungsbericht nachzulesen sein. Dieser soll im Frühjahr 2018 erscheinen.

Ich danke dem BHP für die Möglichkeit, die Bundesfachtagung zu eröffnen und meine Ideen einfließen zu lassen. Den heilpädagogischen Fachkräften wünsche ich, dass sie die Gelegenheit genutzt haben, die sozialpolitische Dimension ihres Schaffens zu erkennen.

Haben Sie Interesse an einem Vortrag zu sozialpolitischen Themen? Wünschen Sie Impulse zum Bundesteilhabegesetz und Schlussfolgerungen für Ihre Praxis? Ich freue mich über Ihre Kontaktaufnahme!

Markus Schäfers